Spekulation ist liberal. Bankenrettungen nicht.


Spekulation ist sozial

Spekulation steht im Verruf. Für Menschen wie Jean Ziegler sind Spekulanten die moderne Pest der Menschheit, die für fast alle Übel des Planeten verantwortlich ist. Aber stimmt das? Nein, das stimmt nicht. Im Gegenteil, Spekulation macht das Leben besser: Sie schafft Sicherheit. Denn spekulieren bedeutet, eine Wette auf ein unsicheres Ereignis abzuschließen. Das erfordert immer zwei Parteien, die jeweils auf Ereignisse setzen, die sich gegenseitig ausschließen. Ich könnte z.B. darauf wetten, nächstes Jahr krank zu werden. Wenn ich gewinne, übernimmt die Gegenpartei meine Gesundheitskosten. Wenn ich verliere kriegt sie meinen Einsatz (Krankenversicherungsbeiträge). Ich könnte auch darauf wetten, ziemlich alt zu werden. Wenn ich gewinne, zahlt mir eine Gegenpartei jeden Monat meines Lebens bis zu meinem Tod eine Rente. Wenn ich verliere bekommt sie meinen Wetteinsatz (Sozialversicherungsbeiträge). Ich könnte auch darauf wetten, arbeitslos zu werden, etc. etc. etc.. Spekulation sorgt dafür, dass Individuen gegen die großen Lebensrisiken versichert sind und sich der freien Befriedigung ihrer Bedürfnisse zuwenden können. Kein Mensch käme auf die Idee das asozial zu finden, nein, wir nennen das Sozialstaat.

Regenschirmverkäufer machen keinen Regen

So ähnlich ist das auch mit der Finanzspekulation. Unternehmen versichern sich gegen Wechselkursschwankungen. Nahrungsmittelproduzenten versichern sich gegen schlechte Ernten. Und ja, auch die bösen Derivate, z.B. Credit-Default-Swaps sind Versicherungen. Weil sie gegen Kreditausfälle versichert sind,  können Banken besser Geld verleihen. Beispielsweise an Bauern, die sich damit das Saatgut kaufen können, um Weizen anzubauen, gegen dessen Ausfall und Preisschwankungen sie sich ebenfalls versichern können. Geht das nicht, gibt es weniger Weizen, höhere Preise und mehr Hunger. Spekulation ist nicht die Seuche, sondern die Therapie.  Auch wenn es manchmal anders aussieht. Denn wenn die Nahrungsmittelpreise steigen, profitieren natürlich diejenigen, die auf steigende Preise gesetzt haben. Aber sind sie deshalb dafür verantwortlich? Natürlich nicht, auch der Regenschirmverkäufer macht keinen Regen, obwohl er von ihm profitiert.

Wettbetrüger darf man nicht retten

Natürlich muss man beim Wetten vorsichtig sein. Schließlich gibt es Wettbetrüger, die ihre Wettschulden nicht bezahlen können oder wollen. Wenn es zu viele davon gibt, kollabiert das System. Davon gibt es aber umso mehr, je eher beide Seiten darauf vertrauen können, dass eine dritte Partei im Spiel ist, die Wettverluste kompensiert. Leider sind Wettbetrüger oft ziemlich wichtig, fast jeder ist Kunde von Banken und Versicherungen. Wenn die Pleite gehen, reißen sie andere, ehrliche Wettanbieter mit in den Abgrund. Vorteil: Die Wettbetrüger sind weg und die Kunden sind bei der nächsten Auswahl vorsichtiger. Aus Schaden wird man klug. Nachteil: das kann teuer werden. Oder der Staat rettet die Wettbetrüger und deren Opfer. Vorteil: die Krise greift nicht auf solide Banken und Versicherungen über. Nachteil: das wird für den Staat uns seine Bürger teuer und der Finanzmarkt  ist immer noch voll von Wettbetrügern, die jetzt wissen, dass sie gerettet werden.

Liberale sagen deshalb, dass Risiko, Ertrag und Haftung zusammen gehören. Wer eine Wette abschließt, muss das Risiko tragen, dass der Wettpartner nicht in der Lage ist, seine Wettschulden einzulösen. Bei unzumutbaren Risiken springt der Staat als sicherer Versicherer ein. Bei allen anderen muss er einen institutionellen Rahmen schaffen, in dem Spekulanten, die sich verschätzt haben, ihren Verlust selbst tragen müssen und das auch können. Beispielsweise durch effektive Eigenkapitalvorschriften oder glaubwürdige Insolvenzmechanismen. Beides gab es in der Finanzkrise nicht. Deshalb musste man die Banken retten, um Schlimmeres zu verhindern. Eine liberale Partei müsste dieses Dilemma auflösen.

Fazit: Spekulation ist liberal. Bankenrettung nicht.

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10 comments

  1. […] anschlagen, denn hier funktioniert ein wesentliches Element der Marktwirtschaft nicht mehr: Schlechte Geschäftsmodelle müssen vom Markt verschwinden. Die kreative Zerstörung ist die Grundlage des technischen Fortschritts und damit unsere […]

  2. “…Aber sind sie deshalb dafür verantwortlich? Natürlich nicht, auch der Regenschirmverkäufer macht keinen Regen, obwohl er von ihm profitiert.” Finde den Vergleich eher unpassend. Es ist nicht so, dass Derivatehändler abgekoppelt vom eigentlichen Markt handeln Eine erhöhte Nachfrage nach Agrarrohstoffderivaten kann auch die Realpreise beeinflussen. Dies geschieht oft in einer unverantwortlichen Weise, z.B. eine große deutsche Bank die Agrarrohstoffonds mit der sehr attraktiven Rendite rechtfertigt und die Folgen für den Weltmarktpreis vernachlässigt. Auf dem Weltmarkt kam es in dem letzten Jahrzehnt zu einer steigenden Anzahl von Preisblasen, die laut und dieeinem Bundestagsauschuss der Derivatespekulation angerechnet werden können. Diese Preisblasen haben u.a. dafür gesort der Preis von Mais + einigen Futtermitteln in Entwicklungsländern sich verdoppelt hat.

    1. Es gibt keine einzige wissenschaftliche Studie, die einen Zusammenhang belegen würde. Im Gegenteil. Schauen Sie sich mal die Arbeit von Ingo Pies an. Insofern kann ein Bundestagsausschuss beschließen was er will, besser wissen tun die das auch nicht. Übrigens waren die Erträge aus der Agrarspekulation für deutsche Banken mit 300 Mio Euro im letzten Jahr sehr mager. Die Verdopplung der Preise liegt eher an der gesunkenen Produktion (Ernteausfälle etc.) und ich wette, dass deshalb Spekulanten auch sehr viel Geld verloren haben. Manche wetten auf Regen, andere dagegen. So lange mir niemand beweist, dass sie den Regen verursachen, finde ich den Vergleich sehr passend.

  3. hm…ich habe letztes Jahr meine Bachelorarbeit über die Einflüsse von Futures auf Rohstoffpreise in Ökonometrie geschrieben und bin allein in diesem Bereich sicherlich auf 30+ paper gestoßen, die Preisverzerrungen bestätigen (z.B. Gilbert et al.). Aber es stimmt schon, es ist ein sehr kontroverses Thema. Selbst ein Nobelpreisträger wie E. Fama leugnet ja die bloße Existenz von Bubbles am Kapitalmarkt….

  4. hier ist z.B. eine solche Studie: http://www.york.ac.uk/res/mmf/documents/SI_5.pdf

  5. Sicher gibt es dazu Studien, aber so weit ich das überblicke, ist keine von denen veröffentlicht worden oder? Jedenfalls ist die Preiswirkung der Spekulation hochgradig umstritten.

    Aber mal angenommen es gäbe tatsächlich einen Preiseffekt, bin ich auf die Begründung gespannt. Denn irgendwann muss doch ein effektives Angebot an Nahrungsmitteln auf eine effektive Nachfrage treffen. DIe Spekulanten wollen doch die Nahrungsmittel gar nicht verwenden. Selbst wenn es also Preisverzerrungen geben sollte, heißt das doch noch nicht, dass sie dauerhaft sind und nachhaltig zu höheren Nahrungsmittelpreisen führen können. Dafür müssten die Spekulanten Nahrungsmittel vernichten. Wenn also die Preise nach oben oder nach unten künstlich beeinflusst werden, dann korrigieren sie sich irgendwann wieder. Und das geht umso schneller, je mehr Spekulanten auf das Gegenteil wetten.

    Und selbst wenn es einen Preiseffekt geben sollte, muss man trotzdem fragen, ob der Nutzen aus der Spekulation nicht größer ist als der Schaden. Spekulation heißt, Versicherungsmöglichkeiten zu schaffen. Das sagt selbst der große Gegenspieler von Fama, Robert Shiller, der spekulative Finanzprodukte mit Versicherungsfunktion einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen will, damit sie sich gegen Risiken wappnen kann.

  6. Auf dem Derivatemarkt gibt es unterschiedliche Akteure mit ganz unterschiedlichen Motiven.Dies sind v.a.
    (1) Hedger, die i.d.R. direkt mit dem Produkt zu tun haben u sich z.B. gegen Ernteausfälle absichern. Diese sind kein großes Problem, da ihre Anzahl und ihre Investments stark begrenzt sind.
    (2) Spekulanten, die nicht direkt mit dem Produkt zu tun haben und auf Grund von Erwartungen agieren. Auf Grund des weltweiten Bevölkerungswachstums ist die Annahme einer Verschärfung der Nahrungsmittelknappheit sicherlich nicht allzu gewagt, was steigende Preise mit sich bringt. Spekulanten, denen es ausschließlich um Renditemöglichkeiten geht, werden deshalb vor dem Hintergrund ihrer Erwartungen bevorzugt Call-Optionen abschließen. Spekulation ist demnach nicht Versicherung gegen Ernteausfälle, sondern besitzt v.a. eine Liquiditätsfunktion, indem sie die Gegenposition von Hedgern einnehmen. Wenn sie aber in einer zu großen Anzahl auftreten kann es mMn auch zu Preisverzerrungen kommen!

  7. Stimmt vielleicht für den Preis einer Call-Option, aber wenn die Spekulanten die Nahrungsmittel nicht selbst verbrauchen, werden die auf einem Endverbrauchermarkt landen. Und dort wird dann der Nahrungsmittelpreis ermittelt. aber selbst wenn es Verzerrungen geben sollte, ist es sehr fraglich, ob der Schaden der Spekulation größer ist als der Nutzen. Gerade auch für Menschen in armen Ländern, deren Nahrungsmittelproduzenten die Versicherungsfunktion brauchen. Dazu hier eine schöne Zusammenfassung über die akademische Diskussion http://www.iamo.de/dok/IAMOPolicyBrief9_de.pdf

  8. Ja es stimmt, dass es in den meisten (ich denke deutlich über 90 % aller Kontrakte) nicht zu einem Tausch Ware gegen Geld sondern Ware gegen Ware kommt. Trotzdem muss die Gegenpartei auf eine Lieferung vorbereitet sein, was demnach weniger Angebot -> steigende Preise auf dem Realmarkt mit sich bringt

  9. oh ich meinte Geld gegen Geld (also gegenwärtiger Preis der Waren – Strike Price)

Wir haben wahrscheinlich nicht vollkommen recht - diskutiere mit!

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