Münchau fragt, Liberale antworten – Teil 1/5: Denkschulen.


Liberal sein heißt nicht zwingend, einen Schrein von Hayek in der Küche zu haben.

Wolfgang Münchau stellt in seinem Beitrag auf SPON drei Fragen an die FDP, eigentlich sind es acht, aber sei’s drum. Denn die Fragen sind spannend, weil sie ein Licht darauf werden, wie  der Liberalismus im 21. Jahrhunderts aussehen kann.

In seiner ersten Frage fragt Münchau unter anderem:

Sind Liberalismus und Keynesianismus vereinbar?

Diese Frage beruht auf einem Missverständnis. Liberalismus ist eine Weltanschauung, Keynesianismus eine veraltete wirtschaftswissenschaftliche Schule. Dazwischen kann es keinen Gegensatz geben. Zudem war Keynes selbst ein echter Liberaler, der seine Wirtschaftstheorie als Gegenmodell zum Sozialismus entwickelte.  Keynes glaubte an die freie Marktwirtschaft, er wollte sie nur verbessern. Der orthodoxe Keynesisanismus, der glaubte, dass der Staat Konjunkturzyklen abschaffen und Arbeitslosigkeit durch Inflation besiegen kann, ist aber trotzdem tot.

Gibt es Alternativen zu den überkommenen angebotsorientierten Denkschulen?

Ja, denn erstens sind angebotsorientierte Ansätze nicht überholt und zweitens integrieren moderne ökonomische Theorien sowohl Angebots- als auch Nachfrageeffekte. Die moderne Streitfrage ist nicht mehr, ob die Nachfrage oder das Angebot die Konjunkturzyklen bestimmen, sondern wie gut Märkte funktionieren. Sind Märkte perfekte Orte der individuellen Koordinierung von Bedürfnissen, dann sind auch Konjunkturzyklen Ausdruck individueller Wünsche und sollten deshalb hingenommen werden.

Neukeynesianer, die auch Salzwasserökonomen genannt werden, weil sie der Ostküste der USA beheimatet sind, würden sagen, dass Märkte nicht perfekt sind und dass der Staat deshalb intervenieren darf. Neuklassiker, oder Süßwasserökonomen, die an den Seen rund um Chicago anzutreffen sind, würden entgegnen: „Mag sein, aber sie funktionieren überwiegend gut und vor allem nicht besser wenn der Staat eingreift“. Selbst Neukeynsianer sind skeptisch ob eine direkte Staatsintervention Marktergebnisse tatsächlich verbessert.

Warum? Weil der Staat oft alles noch viel schlimmer macht, wenn sich seine Politiker nicht am Gemeinwohl, sondern an Partikularinteressen orientieren. Das sind die Lehren der politischen Makroökonomik in der nicht zufällig eine ganze Reihe italienischer Ökonomen zu Hause ist. Auch in der Mikroökonomie ist der direkte Staatseingriff nur das letzte Mittel. Es ist meistens besser Märkte indirekt über ihre Rahmenbedingungen zu gestalten, z.B. indem Monopolstrukturen verhindert oder indem Informationsprobleme behoben werden. Es ist also meistens besser, die Rahmenbedingungen staatlich zu gestalten, als korrigierend in den Marktprozess einzugreifen – das ist auch die klassische liberale Position wie sie von den Ordoliberalen der Freiburger Schule vertreten wurde.

Weiter geht es morgen in Teil zwei – wie liberal kann eine EU sein?

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3 comments

  1. JustAnotherLiberal · · Reply

    Münchaus Beitrag hat mich ziemlich verärgert nicht nur durch seine/n überhebliche/n Einstellung und Ton sowie seine Strohmann-Argumente. Schön, dass sich mal jemand dieser Sache annimmt (cooler Blog-Titel übrigens).

    Ein Aspekt der mich selbst als VWL-Laien gestört hat ist dass Münchau impliziert dass man als Liberaler auch notwendig der Effizienzmarkt-Hypothese anhängen muss bzw. zwingend Neoklassiker sein muss. Eine Vorstellung die allerspätestens bei Anhängern der Österreicher zumindest deutlich unterkomplex ist. Was das Wort Keynesianismus in seiner Frage angeht bin ich allerdings überzeugt davon, dass er eigentlich Neukeynesianismus meinte.

    Ich lese ihn nicht häufig aber es stellt sich das Gefühl bei mir ein, dass er nur die Inhalte eines bestimmten weltbekannten NY-Times Kommentators reproduziert.

    1. Hallo erstmal, und Glückwunsch! Du bist der erste Kommentator auf unserem Blog.

      Und Du hast recht, Münchaus Beitrag liest sich tatsächlich so, als hätte ihn dieser nobelpreistragende Blogger aus New York geschrieben. Der ist im Übrigen selbst ein Neukeynesianer, den Münchau überholt finden müsste, weil er die Angebotsseite überbetont (z.B: bei den Friktionen auf dem Arbeitsmarkt). Dieser amerikanische Disput hat einen ganz anderen Konflikt als die deutsche Liberalismusdebatte. Bei denen geht es eher um die Niedrigszinspolitik und die Staatsausgaben in den USA. Die haben nun den Vorteil, dass sie die “Vereinigten Staaten von Amerika” sind und nicht “nur” eine “Europäische Währungsunion”, die auseinanderzubrechen droht, wenn die EZB nicht drastisch reagieren würde. Da kann man solche Debatten natürlich viel leichter führen. Deshalb sehen anglo-amerikanische Ökonomen die Politik der EZB viel gelassener und das liegt auch daran, dass das EZB-Mandat viel strenger ist. Staatsanleihenkäufe gehört bei denen ja zum geldpolitischen Arztköfferchen.

      Die Effizienzmarkthypothese ist nun tatsächlich ein schwieriges Feld und man muss ihr als Liberaler nicht unbedingt anhängen, auch wenn sie gerade in Märkte mit leicht zugänglichen Informationen ihren Charme und ihre Berechtigung hat. Meiner Auffassung nach wurde die auch von allen Denkschulen begeistert aufgenommen, weil man sich so nicht allzu große Gedanken um die Modellierung von Finanzmärkten machen musste. Ein Fehler, den auch die Neukeynesianer gemacht haben. Im Übrigen, aber dazu ein ander mal mehr, ist bei den ganz modernen Ökonomen des Denken in Denkschulen selbst überkommen. Man nimmt einfach das, was für die Fragestellung am besten passt.

  2. […] Salzwasserökonomen würden dazu ja sagen. Erstens, weil Krisen die Konsequenz des Marktversagens sind und zweitens, weil die Geldpolitik besser geeignet ist, dieses Versagen zu korrigieren als (1) große staatliche Ausgabenprogramme (z.B. Abwrackprämie), die meistens zu spät kommen (bis die Politik entschieden hat, ist das Schlimmste schon wieder vorbei), (2) bestimmte Gruppen begünstigen (Automobilindustrie), (3) kostspielig sind (in der Wirtschaft gibt es nichts geschenkt) und (4) unerwünschte Nebenwirkungen haben (ein eingeschränkter Gebrauchtwagenmarkt). […]

Wir haben wahrscheinlich nicht vollkommen recht - diskutiere mit!

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