Ungleichheit ist ungleich Ungleichheit


John Rawls erdachte ein schönes Gedankenexperiment: Allen Seelen werden vor der Geburt in einer Lotterie Körper und damit menschliche Existenzen zugelost. Somit wäre Zufall, ob jemand reich oder arm, gesund oder krank, Frau oder Mann würde. Was, wenn es den Seelen gestattet wäre, sich wenigstens die Gesellschaft aufzusuchen, in welche sie gelost würden?  Welche würden Sie wählen? England, Deutschland, Indien? Vielleicht die USA?

In Rawls‘ Geburtenlotterie wähle ich liberal

Risikoaverse Charaktere würden die Gesellschaft wählen, wo es den am schlechtesten Gestellten am besten geht – und wo sie die größte Freiheit haben, egal wer sie sind. In einer marktradikalen Gesellschaft sind die Bevorteilten reich und der Rest arm: Dagegen. Im Sozialismus sind alle gleich arm: Dagegen. In konservativen Gesellschaften werde ich womöglich wegen meiner sexuellen Orientierung unterdrückt: Dagegen.

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Kann man nicht vergleichen.

Die liberale Gesellschaft hingegen akzeptiert erst einmal alle – und lässt dennoch Ungleichheit zu. Denn wenn die Menschen unterschiedlich sind, werden sie auch unterschiedlich erfolgreich sein. Aber Ungleichheit ist ungleich Ungleichheit. Die eine ist liberal, die andere nicht.

Freiwillige Ungleichheit: Liberal

Die erste Ungleichheit könnte man freiwillige Ungleichheit nennen. Wenn ich die Möglichkeit hätte reich zu werden, ich aber die Anstrengungen dafür nicht schätze, ist daran nichts auszusetzen. Auch wenn ich einen Beruf wähle, der mir weniger Geld einbringt.  Denn wenn ich lieber Wissenschaftler als Investmentbanker werde, wähle ich ein angenehmeres Leben. Dafür muss ich allerdings mit der Einkommensdifferenz zwischen dem Einkommen eines Investmentbankers und dem eines Universitätsangestellten bezahlen. Auch das ist moralisch nicht verwerflich.

Die Ungleichheit entsteht, weil es Menschen gibt, deren Vorlieben zufällig mit einem höheren Gehalt einher gehen. Jemand der gerne Investmentbanker und ungerne Wissenschaftler ist, hat dann einfach Glück gehabt. Glück, dass der Markt seine Vorlieben stärker belohnt. Soll man das nun verdammen und ändern? Nein. Denn erstens kann man ein Unrecht nicht durch ein anderes rechtfertigen. Zweitens ist es ziemlich schwierig, das Leiden bei der Arbeit zu messen und danach zu bezahlen. Und drittens kann eine liberale Gesellschaft diese legitime Ungleichheit nutzen, um die illegitime Ungleichheit zu bekämpfen.

Unfreiwillige Ungleichheit: Kann weg.

Illegitim und unliberal ist die unfreiwillige Ungleichheit. Die gilt dann, wenn ich mich gar nicht zwischen Investmentbanker und Wissenschaftler entscheiden kann, da meine Eltern kein Geld oder kein Interesse daran haben. Dann ist die Ungleichheit keine Konsequenz einer freien Entscheidung, sondern ein gesellschaftlicher Zwang. Das Schulsystem kann das ausgleichen. Wenn das Schulsystem aber soziale Unterschiede zementiert, ist es nicht liberal und kann weg. In Deutschland findet beispielsweise eine sehr frühe Selektion statt – so dass Personen vielleicht trotz Talents nicht für ein Hochschulstudium in Frage kommen.

Eine liberale Gesellschaft muss hier eingreifen, um dafür zu sorgen, dass die Anfangsausstattung jeden Bürgers egal wird. Sie kann das Einkommen der Investmentbankerin besteuern und mit diesem Geld die Bildungsmöglichkeiten verbessern. Gute Schulen, gute Universitäten und gute Finanzierungsmodelle  für Bildungshungrige. Das elternunabhängige Bafög ist so ein Beispiel für einen Ausgleich der illegitimen Ungleichheit. Darüber hinaus muss jedem, der aus genetischen Gründen (Angeborene Gesundheit oder Intelligenz) weniger Erfolg haben kann, eine menschenwürdige Grundsicherung garantiert sein. Sonst würde zumindest ich als Seele diese Gesellschaft nicht wählen wollen.

Was macht gleicher? Ein freier Markt.

Wir müssen dafür sorgen, dass ab Markteintritt jedem die gleichen Chancen offen stehen. Dazu gehört ein Finanzsystem, das jedem Menschen die Möglichkeit gibt, eine gute Idee zu verwirklichen und ein Unternehmen zu gründen. Dazu gehört auch ein Markt, der frei von unnötigen Marktbarrieren und marktbeherrschenden Stellungen ist – denn je mehr Barrieren existieren, desto mehr werden die begünstigt, die in der Geburtenlotterie das bessere Los gezogen haben. 

Kurz: Jede Ungleichheit sollte selbst bestimmt sein. Jeder sollte die Freiheit haben, sein Leben nach seinen Vorlieben zu gestalten und jeder sollte die Chance haben, durch gute Bildung so frei wie möglich darüber entscheiden zu können.

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One comment

  1. Sehr gut! Kann ich eigentlich komplett zustimmen.

    Eine Frage, die sich mir dabei aber immer wieder stellt, ist die Frage der ungleich verteilten Intelligenz. Egal, ob diese angeboren oder in den ersten Jahren entwickelt wird – das Individuum kann die Intelligenz fast gar nicht selbst beeinflussen. Trotzdem ist sie für den Erfolg später mindestens genauso wichtig wie Anstrengung – gerade in sehr liberalen Gesellschaften. Wie denkt ihr darüber? Ist daher die “Anfangausstattung” auch in liberalen Gesellschaften ganz und gar nicht egal, wie von euch gefordert? Können so doch größere Umverteilungen gerechtfertigt werden?

    Das gleiche gilt für andere Begabungen, Eigenschaften, die angeboren sind oder sich im frühen Kindesalter entwickeln.

Wir haben wahrscheinlich nicht vollkommen recht - diskutiere mit!

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