Sind Schockbilder liberal? Der nervende Staat.


Auf Zigarettenschachteln sollen bald Bilder von Teilen menschlicher Körper prangen, die durch das Rauchen schrecklich verunstaltet wurden. Die Botschaft ist klar: Du sollst nicht rauchen. Aber warum eigentlich nicht? Erstens, weil es ungesund ist und zweitens, weil es der Gesellschaft schadet. Aus liberaler Sicht ist dieses Argument nur teilweise akzeptabel.

Es gibt keine falschen Bedürfnisse

Es ist nicht die Aufgabe des Staates die Menschen zu einem tugendhaften Leben anzuhalten, so lange sie mit ihren Vorlieben nur sich selbst schaden. Das gilt selbstverständlich nur für Erwachsene. Kinder genießen besonderen Schutz, und deshalb ist es legitim, sowohl den Zugang als auch die Werbung für potentiell gesundheitsschädliche Produkte für Kinder zu beschränken. Bis 18.

Mit 18 darf man heiraten und Autofahren und Alkohol trinken. Die Gesellschaft erlaubt, Entscheidungen frei zu treffen, auch wenn sie der eigenen Gesundheit schaden können. Mit 18 hat man Schulbildung hinter sich und weiß, dass Rauchen schädlich ist. Die Warnhinweise sorgten dafür, dass das mittlerweile bekannter ist als der Papst und Boris Becker. Mit dem Rauchen anzufangen, ist daher die freie Entscheidung eines Erwachsenen.

Liberale glauben, dass es keine „richtigen“ und „falschen“ Bedürfnisse gibt. Der Staat hat dann nicht das Recht, erwachsenen Menschen paternalistisch aufzuzeigen, dass sie die falschen Bedürfnisse haben. Das gilt bei Gesundheit auch in der extremsten Form: Selbstmord ist legal, und in vielen Ländern ist es auch Sterbehilfe.

Auch liberale Paternalisten liegen falsch

Liberale Paternalisten argumentieren dagegen, dass Menschen rauchen, obwohl sie sich wünschen, im Alter gesund zu sein. Ihre Präferenzen seien somit inkonsistent. Damit sie trotzdem mündig handeln können, muss der Staat ihnen den Schaden des Rauchens bei jedem Schachtelkauf immer wieder möglichst drastisch ins Gedächtnis rufen. Das ist aber aus unserer Sicht falsch. Denn es geht über die Informationspflicht des liberalen Staates hinaus. Das hier ist ein nervender Staat. Dieser Ansatz ist nicht liberal, sondern nur paternalistisch.

Einstein: Schlauer Raucher.

Einstein: Schlauer Raucher.

Denn erstens bestimmt der Staat darüber, welche Präferenzen er besser findet. In diesem Fall: langfristige Gesundheit. Zweitens wird den Kosten für die Erreichung dieses langfristigen Ziels nicht Rechnung getragen. Menschen, die gerne Tabak konsumieren, verlieren an Lebensqualität, wenn sie dieser Lust auf Tabak entsagen oder nur mit schlechtem Gewissen rauchen können. Ein anderes Beispiel macht das deutlicher. Sicher wären die meisten Menschen gerne etwas schlanker und fitter. Aber wer jeden Tag Verzicht übt, um dieses Ziel zu erreichen, hat jeden Tag ein bisschen weniger Lebensqualität. Dieser Verlust kann durchaus größer sein, als der Nachteil, der aus Übergewicht entsteht.

Woher soll ein Politiker meine Präferenzordnung kennen und wissen, wie ich den Genuss von Tabak im Verhältnis zu einem erhöhten Krankheitsrisiko bewerte? Er muss also davon ausgehen, dass ich irrational bin. Aber die Entscheidung für die Zigarette ist nur dann irrational, wenn das Individuum durch Sucht vernebelt denkt. Da helfen aber Schockbilder auch nicht weiter, denn es ist ja süchtig.

Erlöse aus Tabaksteuer müssen ins Gesundheitssystem fließen

Liberal kann ein Eingriff in individuelle Entscheidungen nur sein, wenn die Gesellschaft sonst Schaden nimmt. Der Schaden für die Gesellschaft beim Rauchen liegt in den Gesundheitskosten. Für die Gesellschaft, die das Gesundheitssystem finanziert, ist es also besser, wenn weniger Menschen rauchen. Um diesen Schaden abzuwenden, braucht man keinen Paternalismus. Man kann die zusätzlichen Gesundheitskosten des Rauchens einfach auf den Preis von Zigaretten umlegen. Rauchen wird teurer, es wird weniger geraucht und mit jeder Zigarette bezahlt der Raucher für die zusätzlichen Kosten. So ähnlich machen wir das schon heute mit der Tabaksteuer. Aus liberaler Sicht sollten die Einnahmen dieser Steuer auch direkt in das Gesundheitssystem fließen.

Also: Die Lösung für die Gesellschaft wäre einfacher zu erreichen als mit Schockbildern.

Schockbilder stellen eine legitime Vorliebe über eine andere. Und Schockbilder erzeugen ein ständiges schlechtes Gewissen. Das ist alles nicht liberal.

Schockbilder können weg.

 

P.S.: Ich habe schon öfters gehört, dass Raucher dem Gesundheitssystem sogar weniger kosten, weil sie früher sterben. Kennt da jemand die Quellen?

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5 comments

  1. Wer sich für die Debatte um den liberalen Paternalismus interessiert, dem empfehle ich dieses interessante Überblickspaper: http://www.jan-schnellenbach.de/pwp-paternalismus.pdf

  2. Alexander Postinett · · Reply

    Da könnte man direkt einen Beitrag zur Kriminalisierung von Drogen dranhängen. Kann nämlich auch weg.

  3. Diederich Lüken · · Reply

    Raucher sterben in der Regel eher und schneller als Nichtraucher. Sie nutzen weniger lang die Krankenhäuser und Altenheime. Somit praktizieren sie ein soizalverträgliches Frühableben.

  4. Ein sehr guter Text! Nur der Vollständigkeit halber sei ergänzt: Es ist liberal, das Rauchen dann und dort nicht zu verbieten, wenn und wo kein anderer geschädigt wird. Daher sind Rauchverbote in Gaststätten, Zügen etc. nicht illiberal, denn hier geht es um den Gesundheitsschutz für Nichtraucher. (Ich betone dies, weil ich neulich – nicht hier – irgendwo las, Rauchverbote seien per se abzulehnen, weil sie den – gerade von Liberalen stets hochzuhaltenden – Minderheitenschutz verletzten.)

  5. … hier noch der Hinweis auf einen hübsch polemischen Beitrag zum Thema: >> http://www.horizont.net/aktuell/marketing/pages/protected/printall.php?id=117181

Wir haben wahrscheinlich nicht vollkommen recht - diskutiere mit!

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