Sind Exportüberschüsse liberal?


In den letzten Wochen tobte eine Auseinandersetzung um die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse. Ein Leistungsbilanzüberschuss entsteht, wenn ein Land mehr Güter exportiert als es importiert. Anders formuliert: es spart. Sparen ist weder illiberal noch ein Problem.

Die Versandhausökonomie

Bedenklich ist, dass der Exportüberschuss zu Stande kommt, weil wir unsere Ersparnisse eben nicht in Deutschland investieren, sondern im Ausland. Woher sollten sonst andere Länder das Geld haben mehr zu importieren als zu exportieren, wenn nicht von den Ländern bei denen es andersherum ist? Die Verschuldung der einen Länder sind die Ersparnisse der anderen. Und genau hier liegt sehr wohl ein Problem. Die deutsche Wirtschaft verhält sich wie ein Versandhaus. Erst liefern und später zahlen. Und genauso wie ein Versandhaus, bekommt auch eine Versandhausökonomie Probleme, wenn mehr bestellt wurde, als bezahlt werden kann.

Exportüberschüsse bedeuten Investitionsschwäche

Die Probleme liegen aber nicht nur bei den säumigen Zahlern im Ausland. Denn warum leihen wir überhaupt anderen das Geld für ihren Konsum und investieren es nicht einfach in Deutschland? Offensichtlich ist es profitabler für deutsche Sparer ihr Kapital anderen Ländern zu leihen, die es dann für den Kauf unserer Waren verwenden. Die deutsche Wirtschaft exportiert vor allem Industriegüter. Wir rüsten also andere Länder industriell aus und finanzieren diese Entwicklung mit unseren Ersparnissen. Diese Länder produzieren mit diesen Industriegüter andere Güter und verdienen damit Geld. Natürlich sparen die Menschen in diesen Ländern dort auch. Aber warum investieren diese Menschen nicht in Deutschland? Es gibt anscheinend nicht genügend lohnende Investitionen bei uns. Der Exportüberschuss ist also gar kein ein Ausweis der deutschen Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch ein Ausdruck einer Investitionsschwäche.

Das ist in der Tat problematisch, weil Investitionen das Einkommen von morgen sind. So erklärt sich auch die Kritik der EU und des IWF. Sie drängen darauf, dass die öffentliche Investitionsquote steigt, um die stagnierenden privaten Investitionen auszugleichen. Die in weiten Teilen marode Infrastruktur, die konzeptionslose und unmotivierte Energiepolitik oder Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung versprechen hohe Erträge in der Zukunft. Heute würden sie mehr Einkommen für die Beschäftigten in diesen Bereichen bedeuten. Entweder durch höhere Löhne oder durch mehr Arbeitsplätze. Dieses zusätzliche Einkommen wird natürlich nicht vollständig wieder gespart, sondern zu einem erheblichen Teil einfach ausgegeben und damit auch für Importgüter wie italienischen Kaffee oder französische Autos. Der Exportüberschuss würde durch Investitionen natürlich kleiner werden. Aber unserem Land und ganz Europa würde es besser gehen. Wir würden gar nicht weniger exportieren, wir würden einfach wieder mehr importieren. Wenn wir den anderen Europäern das Geld für ihren Konsum nicht mehr leihen wollen, sollten wir einfach mehr bei ihnen einkaufen.

Liberale Politik heißt investieren und Löhne (nach oben) anpassen

Was hat das nun mit liberaler Politik zu tun? Einiges, denn bürokratische Hürden für Investitionen abzubauen, ist ein Kernthema des Liberalismus. Die Menschen sollten so viele Chancen wie möglich ergreifen können, z.B. indem sie Unternehmer werden und durch Investitionen Arbeitsplätze schaffen anstatt ihr Geld in südeuropäische Finanztitel anzulegen. Auch wenn die Lohnfindung liberaler würde, z.B. durch mehr betriebliche Regelungen, wäre eine Anpassung an gestiegene oder gefallene Produktivität leichter möglich. Im Moment würden die Löhne bei uns kräftig steigen, wodurch mehr gespart und konsumiert wird. Weil aber die deutsche Wirtschaft nicht von heute auf morgen mehr produzieren kann, wird mehr importiert und gerade die leidenden Länder in der Europa könnten davon profitieren.

Exportüberschüsse können (leider) trotzdem liberal sein

Natürlich könnte es trotz liberalen Korrekturen sein, dass in Deutschland weiterhin sehr viel gespart wird und deshalb ein Exportüberschuss am Ende stehen bleibt. Sind solche Exportüberschüsse also liberal? Im Prinzip schon. Schließlich sind sie Konsequenz individueller freier Spar- und Investitionsentscheidungen. Das würde für eine ausgeglichene Leistungsbilanz aber auch gelten.

Um ehrlich zu sein, sind mir ein paar gute Flaschen Elsässer Weißwein, spanischer Schinken oder eine italienische Kaffeemaschine als Gegenwert für deutsche Industriegüter deutlich lieber als südeuropäische Finanztitel von zweifelhaftem Wert.

Auch wenn Exportüberschüsse also im Prinzip liberal sind, von mir aus können sie trotzdem weg.

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